Diese Nacht lag ich mal wieder lange wach. Die Eindrücke vom Vortag müssen irgendwie verarbeitet werden. Zum Glück ist heute etwas Entspannung angesagt. Vormittag drehen wir nur eine kleine Runde durch die Wüste, angeführt von unserem Guide Mschidou. Kurz nach dem Hotel ein kleiner Schreck, vor mir fliegt ein Topcase über die Straße und landet im Graben! Ist nochmal gut gegangen, keiner ist drüber gefahren. Glücklicherweise ist die im Topcase verstaute Videokamera auch ohne einen Kratzer geblieben.
Wir besuchen zunächst eine Kasbah direkt in der Wüste. Auf einem felsigen Aussichtspunk hat man einen sehr schönen Blick über Palmen und die dahinter beginnende Sandwüste. Mschidou erzählt ein wenig über die Geschichte des Landes und der Bewohner hier, die hauptsächlich von ihren Tieren und ein wenig Feldwirtschaft leben. Die nahe Kasbah beherbergt mehrere Generationen einer Familie, die hier lebt und arbeitet. Schade, dass er normalerweise immer in der gleichen Gruppe mitfährt und die anderen Gruppen die Geschichten nur heute mitbekommen.
Mehrere Kinder sind natürlich auch sofort zur Stelle und wollen kleine Fossilien verkaufen. Bei so einer großen Gruppe haben sie Glück und können einige der geschliffenen Steine verkaufen. Um unsere kleinen Gummibärchentüten entbrennt danach dann ein regelrechter Kampf. Mschidou muss auf Arabisch eingreifen, damit auch die ganz Kleinen eine Tüte bekommen.
Nächster Stopp ist eine größere Kasbah, die ein ganzes Dorf bildet. Die Lehmwände der Häuser sind teilweise enorm hoch, erstaunlich, dass die Bauten Jahrhunderte überdauern können. Durch unseren lokalen Guide (und das Trinkgeld) dürfen wir direkt in die Wohnbereiche hinein. Ich habe aber dennoch ein ungutes Gefühl dabei. Man stelle sich vorm dass bei sich zu Hause 50 Touristen durchs Wohnzimmer laufen und alles fotografieren.
Als nächstes steht eine Moschee auf dem Programm, reich verziehrt mit schönen Mosaiken, die gerade erneuert werden. Die Kartons mit den Fliesen und Mosaiksteinen kommen aus Deutschland. Als Nicht-Muslime dürfen wir natürlich den eigentlichen Teil der Moschee nicht betreten, aber ein Foto der schönen Einrichtung ist dennoch gestattet.
Im nächsten Dorf ist gerade die Schule zu Ende. Wir werden mal wieder frenetisch bergrüßt und bejubelt. Die Schüler deuten an, dass wir mal ordentlich am Gashahn drehen sollen. Dabei kommen sie mir ziemlich nahe als sie versuchen und abzuklatschen. Ich falle fast vom Motorrad als einer versucht, meine Hand dann auch noch festzuhalten.
Die folgende Verkaufsverantstaltung an einer Fossilienschleiferei sparen wir uns. Schliesslich will ich mindestens noch einmal in den Pool springen. Bei den Temperaturen in Motorradklamotten ein recht angenehmer Gedanke. Weissbrot mit Thunfisch und Oliven sowie ein kühles Bierchen in der Sonne bei 30 Grad am Pool, das passt gar nicht zum bisherigen Verlauf des Urlaub. Man kann ja aber auch nicht immer Motorrad fahren.
Nach dem enstpannten Nachmittag geht es gegen Abend mit einigen Jeeps in die Wüste. Mit Motorrädern wären wir hier definitiv nicht durchgekommen, stellenweise ist der Sand sehr weich und der Allradantrieb muss ordentlich arbeiten. Mschidou führt uns zunächst zu einer Stelle, an der die Fossilien "abgebaut" werden. Große Steinplatten, aus denen auch unsere Waschbecken im Hotel gefertigt werden, liegen hier überall im Sand. Dazu unzählige kleine Steine mit versteinerten Schnecken. Auch die fertig geschliffenen Steine sind nicht weit, eine Horde von Kindern hat uns entdeckt und kommt mit reichlichem Angebot vorbei.
Es geht weiter durch den Sand. In der Ferne kann man schon die beindruckenden Dünen von Erg Chebbi sehen. Hier beginnt die Sahara, die Bilder, die jeder mit dem Wort "Wüste" verbindet werden nun immer deutlicher. Dabei besteht die Sahara nur zu etwa 20% aus Sandwüste, den weitaus größeren Teil machen Stein- und Felswüste aus.
Wir erreichen das kleine Dorf Merzouga direkt am Fuße der Dünen, die sich bis zu 150 Meter hoch erstrecken. Wer mag kann den Aufstieg per Kamel bestreiten, ich ziehe es vor zu laufen, dann kann ich besser Fotografieren. Es ist gar nicht leicht die Steigungen zu bewältigen, der Sand ist je nach Windseite sehr unterschiedlich steinhart bis sehr weich. Bachir überrascht mich mit dem Handy am Ohr. GSM-Empfang in der Wüste scheint hier kein Problem zu sein, was tut man nicht alles für die lieben Touristen.
Wir wollen von den Dünen aus den Sonnenuntergang genießen, doch dann kommt plötzlich alles anders. Eine große Wolke schiebt sich am Horizont vor die Sonne und ein ganz unerwartetes Naturschauspiel nimmt seinen Lauf. Ein Sandsturm zieht auf. Dennoch will ich unbedingt die höchste Düne erklimmen, zusammen mit Willi mache ich mich auf den Weg. Die anderen bleiben lieber weiter unten an einer geschützten Stelle. Der Wind dreht mächtig auf, man muss aufpassen, immer mit der Windrichtung zu gehen um nichts in die Augen zu bekommen. Die Haut fühlt sich gleich sandgestrahlt an, kostenloses Peeling. Ich habe ziemliche Angst um die Kamera, aber ohne geht auch nicht. Ich merke schon, dass gerade die besten Bilder des ganzen Urlaubs entstehen.
Willi erklimmt die oberste Düne und steht mit dem Oberkörper außerhalb des Sandtstrahls wobei die Beine vom Sand umfegt werden. Was für ein Bild! Ich fotografiere ohne Pause und hoffe nur, dass kein Sandkorn in das Objektiv kommt. Weiter unten haben schon einige kleine Kameras den Geist aufgegeben.
Plötzlich ändert sich die Stimmung schlagartig. Der Wind hört so schnell auf wie er gekommen ist. Die große Wolke verzieht sich und gibt den Weg frei für das nächste unglaubliche Schauspiel, den Sonnenuntergang in den Dünen. Rot glühend versinkt der helle Ball am Horizont und zaubert eine unglaubliche Szenerie. Die schönsten Momente dieser Reise erlebe ich hier in der Sahara. Zwei Naturschauspiele in so kurzer Zeit, der lange Weg hat sich wirklich gelohnt.
Da es langsam dunkel wird treten wir den Rückweg an. Die anderen warten schon ungeduldig weiter unten. Wir folgen den Kameltreibern und unserer eigenen Spur zurück ins Dorf. Nach einem frischen Pfefferminztee besteigen wir wieder die Jeeps und fahren durch die nächtliche Wüste zurück ins Hotel. Die Kamera ist heil geblieben und hat schöne Erinnerungen an diesen unglaublichen Tag festgehalten.
Hier gehts weiter zu Teil 9 - Durchs Skigebiet nach Fes
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