Die heutige Nacht ist nicht lang. Ich werde morgens um halb 5 geweckt, der Muezzin ruft zum ersten Gebet. Die Eindrücke des Vortages mit den unglaublichen Landschaften sind so stark, dass ich nicht wieder einschlafen kann. Ich bin hellwach, Teile des gefahrenen Strecke laufen wie im Film in meinem Kopf ab. Also hilft nur Aufstehen, wenn man eh nicht mehr schlafen kann. Ich schnappe mir meine Kamera und bin unheimlich froh so früh wach zu sein. Der Sonnenaufgang zaubert ein herrliches Schauspiel über Boumalne du Dades und den dahinter liegenden Gebirgszügen. Die ersten weichen Sonnenstrahlen leuchten die sandfarbenen Berge schön aus. Als I-Tüpfelchen schiebt sich eine Regenwolke in die Szenerie und mal einen Regenbogen direkt über den Ort. Als weiteren Höhepunkt springe ich um 6 Uhr morgens in den Pool. Es regnet nun, der Regenbogen ist auch noch da und das Wasser hat bestimmt 30 Grad. Was für ein Tagesanbruch!
Auf in die Schlucht
Nach dem Frühstück geht es direkt in die erste von zwei Schluchten. Durch das Dadestal führt eine immer weiter ansteigende Gebirgsstraße mit den ersten richtig engen Spitzkehren dieser Tour. Laut Tourbook sollen wir heute nur bis zu einem Treffpunkt an einem Restaurant fahren und danach wieder aus der Schlucht heraus. Die direkte Verbindung zur Todraschlucht ist angeblich durch eine Baustelle blockiert. Der Ausblick vom Treffpunkt ist atemberaubend, man kann sehr gut in die tief vom Wasser eingeschnittene Schlucht blicken.
Da von einer Baustelle weit und breit nichts zu sehen ist, beschliesst unsere Gruppe einfach weiter zu fahren. Kiometerweit geht es auf guter Teerstraße weiter hinauf in die Berge. Man hätte wirklich etwas verpasst, wenn man hier umgedreht wäre, so wie es die anderen Gruppen getan haben. Grandiose Ausblicke auf die Bergwelt, kleine grüne Oasen, Bergdörfer und weiterhin eine gute Straße lassen uns zügig voran kommen, wenn ich nicht wieder andauernd anhalten müsste für die vielen schönen Fotos.
Kleine Umleitung
Nach 60 Kilometern hört die Teerstraße dann auf. Die Strecke ist aber immer noch gut fahrbar, doch hinter dem nächsten Dorf beginnt dass die angekündigte Baustelle. Durch die Bausfahrzeuge ist hier kein Durchkommen, also erstmal Lagebesprechung. Dazu gesellen sich natürlich gleich ein paar Kinder, die total aus dem Häuschen sind, als sie auf Thomas R1200 RT Platz nehmen dürfen. Ein Dorfbewohner erklärt uns auf Französisch, dass wir ohne Probleme auch die Umleitungstrecke fahren können. In meiner GPS-Karte gibt es hier zwar keinen Weg, aber auf Wolfgangs Original-Garmin-Karte ist eine Durchfahrt zur Todraschlucht auf einer offiziellen Strasse vorhanden.
Also trauen wir den Garmin-Leuten und fahren weiter. Straße ist ein reichlich schmeichelhafter Ausdruck für den folgenden Trail über eine grüne Wiese. Nach einem Kilometer und einem kurzen schwierigen Teilstück mit anschließender 90° Kurve liegt Heikes 650er GS auf der Seite. Bis ein ein gebrochenes Plastikteil ist aber nichts passiert. Leider ist hier unklar, ob wir rechts oder links rum müssen. Aus der Ferne laufen schon wieder Kinder auf uns zu, die völlig erschöpft bei uns ankommen. Sie zeigen uns den Weg und erwarten dafür natürlich auch ein Bakschisch.
Flußfahrt mit Straßenreifen
Die Strecke wird immer abenteuerlicher, denn die "Straße" wird nun zu einem Flussbett. Es ist nicht immer ganz klar, wo der eigentliche Weg ist. Zum Glück ist wenig Wasser vorhanden, was aber immer noch ausreicht um bis an den Helm zu spritzen. Spätestens jetzt wünsche ich mir ein etwas geländegängigeres Motorrad und vor allem einen Motorschutz. Für weichen groben Kies und große Steine ist mein Motorrad nicht gebaut. Wir schlagen uns aber recht wacker, wenn man bedenkt, dass wir mit reinen Strassenmotorrädern hier im Hochgebirge unterwegs sind.
Den nächsten Umfaller fabriziert dann schon wieder eine GS. Günter macht einen Ausflug in den ganz weichen Kies und man kann das Folgende schon kommen sehen. Daher hatte ich die Kamera auch schon im Anschlag. Ist eine nette Bildserie geworden. Warum fallen eigentlich nur die Geländemotorräder um? Die Strecke ist dann doch ganz schön krafttraubend. An einem steilen Schrägstück rutsche ich weg und lege die Rockster aufs linke Euter. Außer einem winzigen Kratzer ist aber kaum was passiert.
Hirten und Schminke
Trotz der Anstrengungen kann ich auch viele Fotos in dieser unwirklichen Gegend schiessen. Wir sind mittlerweile auf über 2500 Metern umschlossen von karger Gebirgslandschaft. Umso erstaunter stellen wir fest, dass hier Berber leben. Wir treffen auf einige Hirten, die uns um Zigaretten bitten. Leider ist kein Raucher dabei. Kinder in selbstgenähten Kleidern kommen auf uns zugelaufen. Sie betteln hier nicht um Geld sondern um Bonbons und fragen Heike nach Schminke. Ich frage mich, ob die Menschen hier oben auch im Winter leben. Leider wird das Betteln schnell ziemlich aufdringlich, sodass wir schnell weiter fahren müssen, wenn wir "entdeckt" werden. Bald erreichen wir die Wohnungen der Berber, einfache Höhlen in den Felsspalten. Auch die Tiere scheinen hier mit in den Höhlen zu leben.
Auf dem höchsten Punkt des Passes auf über 2600 Metern hat man einen unglaublichen Ausblick auf die umliegenden Berge. Die Landschaft hinter dem Pass sieht wieder ganz anders aus. Bisher sah man nur karg bewachsene Hügel rund um das Flußbett, nun blickt man auf schroffe felsige Berge, die in unterschiedlichen Rottönen gefärbt sind. Ich fühle mich ein wenig an das Death Valley in Kaliforniern erinnert.
Glücklicherweise wird die Strecke jetzt viel besser fahrbar. Der Untergrund wird fester und wir kommen flotter voran. Seit der Abzweigung vor der Baustelle haben wir für 20 Kilometer knapp 2 Stunden benötigt. Ganz unerwartet bekommen wir auf einmal Gegenverkehr. Ein Pärchen in einem T5 aus Hannover mit Campingausstattung, dafür aber auch mit höhergelegtem Fahrwerk und Allradantrieb kommt den Pass hinauf. Wir klären sie über den Zustand des Flussbettes auf und wünschen viel Glück. Dann ein richtiges Verkehrsaufkommen: Zwei Jungs aus der Schweiz mit ihrem japanischen Allrad-Bus. Leider ist der Allradantrieb kaputt und sie kehren dann lieber um. Die Strecke durch das Flußbett hätten sie vermutlich auch nicht geschafft.
Cola auf 2000 Metern
Dann erwartet uns auf dem Weg ins Tal noch eine weitere Überraschung. Mitten in dieser Felswüste gibt es ein kleines Cafe. Eine kühle Cola und frischer Pfefferminztee ist jetzt genau das richtige für uns Offroadfahrer. Für die knapp 40 Kilometer Piste haben wir fast dreieinhalb Stunden gebraucht, wenn ich nochmal vor der Wahl stünde sie zu fahren weiß ich nicht genau wie ich mich entscheiden würde. Die Landschaft und die Eindrücke waren jedenfalls unglaublich.
Nach der Stärkung gehts zum letzten Teilstück der Strecke. Als mittlerweile geübte Schotterfahrer gleiten wir mit 70 - 80 km/h über die Piste. Am Ende des Tals mache ich noch ein paar schöne Fotos von den anderen. Die Kinder des naheliegenden Dorfes stürmen sofort herbei und betteln um Geld. Die Frage auf Französisch, ob sie denn auch die Schule besuchen beantworten sie souverän. Man möchte glauben, das sei einstudiert.
Wir fahren durch die Todraschlucht, die in der Spätnachmittagssonne schön orange gefärbt ist. Wir sind natürlich spät dran, daher gibts nur einen kurzen Fotostopp. Auch an der wunderschönen Oase Tinerhir bleibt uns nicht viel Zeit, bis zum Ziel in Erfoud sind es immerhin noch 150 Kilometer. Auf den letzten Kilometern gibt erwartet und ein ordentlicher Sandsturm. In Schräglage geht es geradeaus über die Ebene, die Sandwüste kommt immer näher.
Das Hotel in Erfoud ist wie ein Traum aus 1001 Nacht. Die Zimmer sind in Gebäudekomplexen untergebracht, die den Kasbahs ähneln. Die Waschbecken in den Zimmern sind aus riesigen Gesteinsblöcken geschliffen, in denen Unmengen von Fossilien versteinert sind. Davon sollen wir am nächsten Tag noch mehr zu Gesicht bekommen.
Hier gehts weiter zu Teil 8 - Endlich Sahara: Die Sanddünen von Erg Chebbi
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