6. Durch den hohen Atlas

15.04.2010 Über hohe Berge in den Süden 

Heute geht es zum Glück zu normaler Zeit auf die Strecke. Es geht wieder im Konvoi zum Metro-Parkplatz vom Vortag. Da alle Bargeldvorräte aufgebraucht sind, wird der Geldautomat erstmal leer geräumt. Ohne Bargeld käme man in Marokko nicht weit, Sprit und Essen gibt es ja nur gegen Bares. Dann geht es gleich weiter, aber die ersten 50 Kilometer sind heute nicht besonders spannend. Das ändert sich schlagartig, stetig geht es bergauf. Bei der ersten Pause sind wir schon auf einer Höhe von 1400 Metern (Marrakesh liegt auf 450 Metern).

Obwohl wir mitten im Nichts angehalten haben, kommt sogleich ein Händler um die Ecke. Er hat Steine im Angebot, die er hier am Rand des hohen Atlas findet. Sie sind hohl und zeigen bizarre Kristallstrukturen im Inneren. Ein nettes Mitbringsel für Zuhause, also gibt es ein Geschäft für ihn, natürlich marokkanisch nach zähen Preisverhandlungen für die Hälfte des Startbetrags.

Kugelschreiber gegen Steine

Nach diesen Stopp wird die Landschaft immer bizarrer. Karge Felslandschaften begleiten mich auf dem Weg zum Col du Tichka. Mittlerweile habe ich meine Gruppe verloren, da ich so oft anhalten muss um Fotos zu schiessen. Nach jeder Kurve scheint sich die Landschaft zu verändern. In den steilen Felsen sind ganze Dörfer aus Steinhäusern mit bunten Fenstern und Türen zu erkennen. Jeder hat natürlich eine SAT-Schüssel auf der Hütte, so viel Luxus muss sein! Auf über 2000 Metern Höhe treffe ich dann meine Gruppe an einem ziemlich modernen Cafe wieder. Auf  Touristen ist man hier wieder perfekt eingestellt, der Cappuccino schmeckt so gut wie in Italien. Wenige Kilometer weiter dann der obligatorische Stopp an der Passhöhe des Col du Tichka (2260 m). Hier steht ein Steine und Mineralienverkäuferbude neben der anderen. Thomas kauft noch ein paar Andenken. Bezahlt wird aber nicht mit Dirham, sondern mit einem Kugelschreiber! Das scheint ein begehrtes Tauschobjekt zu sein. Als dann ein großer Reisebus auf der Passhöhe ankommt wollen wir nur schnell weiter. Auch die Steineverkäufer werden leicht aufdringlich. Manchmal hilft da nur ein sehr lautes und deutliches "Non, Merci Monsieur!"

Mondlandschaften

Ich komme aber gar nicht weit. Was vor der Passhöhe schon landschaftlich spektakulär angefangen wird nun noch übertroffen. Ich verliere die Gruppe wieder, denn hier muss man einfach nach jeder Kurve anhalten um zu fotografieren. Ich denke oft, wow, das kann gar nicht sein! Ich bin auf dem Mond! Weite steinige Gebirgszüge, rote Sandsteinformationen, grüne Oasen inmitten trister Felsen, ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Durch die ständigen Fotostopps muss ich mich bald ganz schön beeilen, die Mittagszeit ist schon lange vorbei. Um wieder Anschluss an meine Gruppe zu finden, fahre ich zügig durch die bizarre Landschaft, manchmal etwas deutlich zu zügig. Hinter einem Hügel mache ich Bekanntschaft mit einer riesigen Schafherde und meinem ABS. Ich glaube, der Schäfer hat sich genauso erschrocken wie ich, er treibt seine Schafe eifrig über die Strasse. Ich komme aber noch ein ganzes Stück vor seinen Tieren zum Stehen. Die Bremsen sind einfach unschlagbar. Von nun an lasse ich es etwas ruhiger angehen.

Das nächste Highlight auf der heutigen Route ist Ait-Ben-Haddou. Der Ort besteht aus mehreren Kasbashs und wurde vermutlich im 11. Jahrhundert errichtet. Seit 1987 steht er auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO. Über 20 Hollywood-Filme wurden hier gedreht, z.B. Gladiator. Leider bleiben mir nur Zeit für ein paar wenige Fotos. Ich hätte die Anlage gerne länger besucht. Immerhin treffe ich hier die anderen Gruppen, nur meine eigene nicht. Das Mittagessen fällt daher heute ganz aus.

Reifenservice Nadja

Ich fahre noch ein Stückchen die Stichstraße entlang und entdecke eine kleine Gruppe von Mitfahrern bei einer unfreiwilligen Pause: platter Reifen hinten. Ich habe als einziger Reifenflickzeug dabei, irgendwie scheint das bei den neueren Maschinen überhaupt nicht mehr zum Boardwerkzeug zu gehören. Die "Cheffin" Nadja ist aber schon informiert und kommt mit einem halben Koffer voller Flickzeug vorbei. Das war auch nötig, denn meine 3 Luftdruckpatronen hätten nicht ausgereicht. Das eigentliche Loch versteckt sich im Profil und war durch den Schattenwurf der Sonne gar nicht zu sehen. Dafür hat der schöne Reifen jetzt gleich drei Gummistopfen, bevor er wieder dicht ist.

Da die Aktion etwas länger dauerte und ich nicht weiter helfen konnte, fahre ich noch ein Stückchen weiter und finde den vermutlichen Verursacher des Reifenschadens. Der Weg führt über eine Holzbrücke, die beim überfahren ordentlich rumpelt. Nach der Brücke mache ich ein paar Bilder und kehre um. In dieser Fahrrichtung erkennt man ein paar ordentlich spitze Gegenstände aus der Brücke ragen. Zum Glück erkenne ich die noch rechtzeitig, sonst hätte ich auch gleich Nadja Reifenreparaturstation anfahren können.

Ich schliesse mich Nadjas Gruppe für die letzten 140 Kilometer bis zum Ziel Boumalne du Dades an. Die Lanfschaft verändert sich wieder, man spürt wie man der Wüste immer näher kommt. Fotostopps gibts jetzt nur noch wenige, denn wir sind aufgrund der Panne spät dran. Ab und zu kann ich aber nicht anders und muss einfach anhalten.

In einem Ort mache ich Bekanntschaft mit der marokkanischen Art des Gefahrguttransports. Ein Tanklaster rast mit teilweise über 80 km/h durch den Ort mit engen Straßen. Da gerade die Schule aus ist, sind einige Kinder mit Fahrrädern und zu Fuß unterwegs. Der LKW-Fahrer verschaffts sich freie Bahn durch hupen. Die Schüler scheinen das zu kennen, sie springen einfach zur Seite, auch wenn es manchmal verdammt knapp ist. Vermutlich ein ganz normaler Feierabendverkehr.

Wir erreichen schliesslich den kleinen Ort Boumalne du Dades. Eine grandiose Lichtstimmung liegt über dem Ort. Die rot untergehende Sonne taucht die sandfarbenden Lehmhäuser in eine Märchenlandschaft. Eigentlich muss man hier anhalten, doch ich weiß nicht genaus wo das Hotel liegt, daher folge ich der Gruppe bis dorthin.

Gesangseinlage mit Berbern

Der Empfang am Hotel ist auch märchenhaft. Eine kleine Berbergruppe tanzt und singt traditionelle Lieder. Ich begrüße sie mit einem "Salem aleikum" und sofort bewirkt dieses einzige Wort wieder ein kleines Wunder. Ich lerne sogleich ein paar Brocken in der Berbersprache und bekomme von einem Berber die Trommel und die traditionelle Kopfbedeckung überreicht um beim nächsten Lied mitzumachen. Dem Berber gebe ich meine Kamera, damit er die Szene festhalten kann. Das Bild ist zwar verwackelt, aber ein schönes Dokument der Offenheit und Herzlichkeit der Menschen.

Bald gibt es auch schon Abendessen mit den bereits beliebten frischen Oliven und heute als Highlight Kamelgulasch. Muss man auch mal gegessen haben. Die Berber spielen wieder auf um sich ein Trinkgeld zu verdienen. Auch sonst hat das Hotel unglaublich viel Personal. Ich mag gar nicht über den Stundenlohn nachdenken. Ich  frage ich mich wieder, wie der Luxus dieses Hotels und die direkt angrenzenden Lehmhütten zusammen passen. Nach ein bis ywei Feierabendbierchen in der wirklich sehr schön gestalteten Bar mache ich noch ein paar Nachtaufnahmen draußen und falle dann ziemlich müde ins Bett.

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Marokko 2010 - Durch den hohen Atlas




Statistik des Streckenabschnitts Marrakesh Boumalne

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