5. Über den Mittleren Atlas nach Marrakesh

14.04.2010 Frühstart 

Heute ist sehr zeitiges Aufstehen angesagt. Eine Strecke von 460 Kilometern liegt vor uns, daher ist schon um 7:30 Abfahrt. Gleich am Anfang verpassen wir eine Abzweigung und so stehen wir erstmal auf einem Feldweg. Die Richtung stimmt aber, also gehts weiter. Auf den folgenden 10 Kilometern stockt einem der Atem. Eben saß ich noch in einem 4-Sterne Hotel am Frühstücksbuffet und nun sehe ich Hütten, deren Dächer nur aus Plastikplanen bestehen. Ganze Dörfer aus Lehmhütten liegen vor uns, überall sieht man kleine Viehherden. Angelockt von unseren Motorgeräuschen sind natürlich die Kinder wieder schnell auf der Straße und winken uns zu. Armut und Reichtum liegen sehr nah beieinander. Als wir vom Feldweg wieder auf die Haupstraße biegen überholt uns ein Audi Q7 mit marrokanischem Kennzeichen.

In El-Hajeb gibts eine kurze Zwangspause. Reinald R75 hat einen etwas niedrigen Ölstand, was aber nicht am Verbrauch lag. Der Ölmessstab hatte sich gelockert und so fehlte mehr als ein halber Liter. Öl haben wir genug dabei, also gehts gleich weiter. Allerdings könnte die alte Q eine Motorwäsche vertragen. Die Höhe steigt nun stetig an und die Landschaft verändert sich rasch zu einer saftig grünen Hochebene auf 1500 Metern. Beim Aussichtspunkt "Paysage Panoramique d'Ito" wäre Thomas fast vorbei gefahren. Hier muss man aber einfach anhalten. Bis weit an den Horizont blickt man auf eine erloschene Vulkanlandschaft mit grün bewachsenen Hügeln, einfach herrlich. Natürlich fehlen an so einem Ort die fliegenden Händler nicht, die allerlei versteinerte Fossilien verkaufen wollen.


Weg frei für den König

Auf einmal wird die Polizeipräsens immer höher. Die Straßen sind gesäumt mit roten Landesflaggen und neben der Straße sind teilweise Tribünen aufgebaut. Es kommen uns viele Pick-Ups und kleine LKWs entgegen, alle voll beladen mit Menschen, vermutlich aus den umliegenden Dörfern. Ich entdecke zum ersten Mal moderne BMW R1200RT Motorräder als Polizeifahrzeuge, bisher waren sie nur in Autos oder mit Mopeds unterwegs. Das muss wohl eine Art Spezialtruppe sein. Dann kommt noch eine ganze Armada von schwarzen neuwertigen Mercedes-Limousinen an uns vorbei.

Den Grund für den ganzen Trubel erfahren wir später: Der König kommt in diese Gegend zu Besuch um einen Flughafen einzuweihen. Dafür wird sogar die Dorfbevölkerung zum Jubeln in die Stadt gekarrt. Offensichtlich hat der König im Volk ein großes Ansehen.

Man spricht Deutsch

Zum Glück sind wir kurz vor der Ankunft des Königs durch die Stadt gekommen. Passend hat sich der Magen wieder gemeldet und noch passender gibts einen Stopp bei einem netten Restaurant mit einem riesigen Garten zum Sitzen. Hier waren wir wohl angemeldet, denn die anderen Gruppen essen auch hier und alle Plätze sind mit Motorradfahrern besetzt. Wir werden von einem jungen Marokkaner mit Handschlag und perfektem Deutsch begrüßt. Er studiert in Deutschland und ist nur gerade im Urlaub hier bei seiner Schwester, der Cheffin des Restaurants.

Es gibt neben köstlicher Tajine auch wieder die leckeren Fleischspieße. Dazu frische Oliven und frisches Brot, einfach himmlisch! Warum nur setzen die Touristenhotels eher auf europäisches Essen, wenn die marokkanische Küche solche Köstlichkeiten zu bieten hat.

Wo ist der Regenkombi?

Nach der Mittagspause heisst es Kilometer machen. Es sind immer noch 200 Kilometer bis Marrakesh. Doch wir werden bald von dunklen Wolken gestoppt. Regen? In Afrika? So hatte ich mir das nicht vorgestellt. An einer Tankstelle stellen wir uns erstmal unters Dach, die Lederfraktion sucht ihre Regenkombis. Nach 20 Kilometern ist der Spuk allerdings wieder vorbei und es wird wird deutlich wärmer. Also Regenklamotten wieder einpacken.



Ein Metro-Supermarkt in Marrakesh

Kurz vor Marrakesh treffen wir uns auf einem Metro-Supermarktparkplatz um wieder im Konvoi in die Stadt zu fahren. Unseren Tourguide müssen wir hupend von hinten auf das große gelbe Metro-Schild aufmerksam machen, er wär glatt vorbei gedüst.

Die Fahrt durch die Stadt ist wie immer ein Erlebnis. Wir zwängen uns durch den dichten Verkehr über alle roten Ampeln und müssen aufpassen, dass der Konvoi nicht auseinanderreißt. Mir fällt ein weiterer wesentlicher Unterschied zum deurtschen Verkehr auf. Zwar geht hier alles chaotisch zu, überall wollen sich Mopeds und Autos reindrängeln, wenn wir aber erstmal als Konvoi erkannt werden, lassen uns die Marrokaner auch durch. Hand- und Hupzeichen werden verstanden. In Deutschland würde das stur ignoriert werden.


Die Souks von Marrakesh

Im Hotel wird schnell geduscht, abends geht es mit zwei Bussen in die Souks von Marrakesh, dem mittelalterlichen Markt in der Innenstadt. Los gehts auf dem "Platz der Geköpften"  Djemaa el Fna. Mit der untergehenden Sonne beginnt auf diesem zentralen Marktplatz ein unglaubliches Schauspiel. Händler mit allerlei Waren, Gaukler mit Affen und Schlangen, Grillstände mit orientalisch duftenden Gerichten, Bettler, Taschendiebe und eine unglaubliche Menge Touristen bevölkern den Platz.

Jeder will für ein Foto gleich Geld haben, wie gut, dass ich ein 200mm Objetiv habe. Da bekommen die Leute gar nicht mit, dass sie fotografiert werden. Leider haben wir nur eine Stunde, viel zu wenig Zeit um die Atmosphäre des Platzes richtig einzufangen. Vom zentralen Platz laufen wir in die engen Gassen der Souks mit allerlei Geschäften. Hier gibt es Gewürzladen mit Bergen von Safran, Schlachter, Bäcker, Gemischtwarenläden, Apotheken. Alles in einem mittelalterlichen Ambiente. Passend zum Land der Gegensätze steht mitten zwischen diesen Läden ein Porsche. Was für eine Zusammenstellung.

Wir haben seit ein paar Strassenecken einen treuen Begleiter, der uns beobachtet, vermutlich gehört er zur Fraktion der Taschendiebe. Als wir ihn offensiv anstarren sucht er das Weite. Meine große Kamera fällt hier leider ganz gut auf, ich halte sie immer fest vorne auf dem Rucksack, den ich ebenfalls falsch herum trage. Sicher ist sicher.

Sicherheit am Arbeitsplatz scheint bei den Marrokanern nicht groß geschrieben zu sein. Jedenfalls versucht ein Ladenbesitzer die Konstruktion seines Sonnensegels ohne Schutzbrille zu schweißen. Er hat eine Sonnenbrille! auf. Nach jedem Schweißpunkt verzieht er schmerzverzerrt das Gesicht.


Zusammen mit den Menschenmassen drängeln sich immer wieder auch Fahrräder und Mopeds durch die engen Strassen. Oft dienen sie zum Transport von allerlei Waren zu den kleinen Geschäften. Die Abenddämmerung zusammen mit den unterschiedlichsten Lichtern aus den einzelnen kleinen Geschäften ergeben einen ganz besondere Stimmung.  Da uns nur eine Stunde Zeit bleibt wieder zurück zum Bus zu kommen, kann man das leider gar nicht geniessen. Ich wollte unbedingt echten Safran kaufen, hier im Marrakesh gibt es den besten! Dazu komme ich aber leider gar nicht mehr. Für meine nächste Marokko-Reise, die ich sicherlich machen werden, muss ich mir mindestens einen ganzen Tag für diese Stadt reservieren.

Jürgen kommt dann aber doch noch in den Genuss eines echten marokkanischen Verkaufsgesprächs. Er wollte unbedingt einen Kaftan mit nach Hause bringen. Also wird beim Kaftanhändler gleich an der nächsten Ecke ein Modell anprobiert. Der erste ist viel zu klein, aber den hat der Händler wohl mit Absicht ausgesucht. Der zweite Kaftan sitzt perfekt. Also geht es ans Handeln, die Zahlen werden praktischerweise im Taschenrechner gezeigt. Erster Aufruf: 100 Euro! Der kleinere wäre billiger, da viel weniger Stoff dran ist. Aber der passt ja auch gar nicht. Nach einigem Hin und Her mit Täuschungsmanöver unsererseits (wir brechen auf) einigt man sich dann schliesslich auf 60 Euro. Ich bin mir sicher, dass da noch mehr drin gewesen wäre, wenn wir noch mehr Zeit gehabt hätten.

Der Weg zurück zum großen Platz ist durch die engen Gassen gar nicht so einfach zu finden. Die Himmelrichtung kann man irgendwann nicht mehr richtig schätzen. Ich hatte zum Glück das Navi in der Fototasche. Ansonsten hätten wir es nicht rechtzeiting zurück zum Treffpunkt geschaft.

Im Hotel gibt es dann Abendessen, wieder mit den überaus leckeren Oliven als Vorspeise. Nach einem Feierabendbierchen gehts dann aber auch ziemlich schnell in die Kojen, der Tag mit den 460 km und dem Stadtrundgang war natürlich nicht gerade ein erholsamer Urlaubstag.







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Marokko 2010 - Über den Mittleren Atlas nach Marrakesh
Marokko 2010 - Medina von Marrakesh



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